Chaos in Sepang: Warum die Formel-1-Autos in der Einführungsrunde stehen blieben

KUALA LUMPUR, MALAYSIA - OCTOBER 04: Isack Hadjar of France driving the (6) Oracle Red Bull Racing RB22 Red Bull Ford Powertrains on track during the F1 Grand Prix of Bahrain in Malaysia at Sepang Circuit on October 04, 2026 in Kuala Lumpur, Malaysia. (Photo by Rudy Carezzevoli/Getty Images) // Getty Images / Red Bull Content Pool // SI202610040276 // Usage for editorial use only //
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Marco Rossi · F1-Korrespondent

Das erste Regenrennen unter dem neuen Reglement begann mit einer roten Flagge, bevor überhaupt gestartet wurde. Hamilton, Verstappen und weitere Fahrer verloren hinter dem Safety Car plötzlich die Leistung. Was bekannt ist und welche Theorie hinter dem Software-Problem stecken könnte.

Die Formel 1 wollte in Malaysia ein Comeback feiern, stattdessen erlebte sie beim Grand Prix von Bahrain in Malaysia eine Premiere, auf die alle Beteiligten gerne verzichtet hätten. Bevor in Sepang auch nur eine Rennrunde gefahren war, standen mehrere Autos ohne Vortrieb auf der Strecke, das Safety Car fand sich mitten im Feld wieder, und die Rennleitung brach die Startprozedur mit der roten Flagge ab. Es war das erste Rennen unter Regenbedingungen seit Einführung der neuen Antriebseinheiten in dieser Saison, und es legte offen, wie wenig Erfahrung Teams und Hersteller mit diesem Szenario bisher sammeln konnten.

Was am Sonntag passiert ist

Ein tropisches Gewitter mit Starkregen und Blitzen zog genau dann über den Sepang International Circuit, als sich das Feld in der Startaufstellung formierte. Die FIA verschob den für 15 Uhr Ortszeit geplanten Start, das Medical Car meldete stehendes Wasser auf der Strecke. Mit 40 Minuten Verspätung gingen die Autos um 15.40 Uhr hinter dem Safety Car auf die Einführungsrunden, geplant war danach ein stehender Start.

Daraus wurde nichts. Max Verstappen meldete von der Pole-Position aus fehlende Beschleunigung, bevor sein Red Bull wieder Fahrt aufnahm. Lewis Hamilton, im Ferrari als Zweiter gestartet, rollte durch die erste Runde, während das Feld an ihm vorbeizog, und blieb schliesslich auf der Start-Ziel-Geraden stehen. Am Funk schilderte er: «Ich drücke aufs Gaspedal und es passiert nichts.» Sein Renningenieur antwortete: «Es ist ein Software-Problem, das wir zu lösen versuchen.» Das Auto wurde auf der Strecke neu gestartet, eine Runde später fuhr Hamilton wieder.

Hamilton war nicht allein. Nach Berichten aus dem Fahrerlager blieben auch Esteban Ocon im Haas und Valtteri Bottas im Cadillac auf der Strecke stehen, beide wie Hamilton mit Ferrari-Antrieb unterwegs. Auch Gabriel Bortoleto im Audi hatte offenbar ähnliche Schwierigkeiten, Liam Lawson kam im Racing Bulls nur verzögert vom Startplatz weg, wobei unklar ist, ob sein Problem dieselbe Ursache hatte. Isack Hadjar geriet in Kurve 3 ins Aquaplaning und landete im Kiesbett, fand aber zurück auf die Strecke. Als die Autos in die Boxengasse strömten, war die Reihenfolge so durcheinander, dass die Rennleitung entschied, für den Neustart die ursprüngliche Startaufstellung wiederherzustellen.

Was offiziell bekannt ist

Eine abschliessende Erklärung der FIA oder der Hersteller liegt bislang nicht vor. Die Hinweise zeigen aber in eine Richtung: Software. Neben Ferraris Funkspruch an Hamilton bestätigte Mercedes-Vizeteamchef Bradley Lord, dass alle Teams neue Parameter zum Aufspielen auf die Autos erhalten hätten, und dass möglicherweise ein Software-Problem hinter einem Teil der Schwierigkeiten gestanden habe. Ex-Formel-1-Fahrer Anthony Davidson brachte es als TV-Experte auf den Punkt: «Die Systeme mögen den Regen nicht. Sie wollen in jeder Runde gleich gefahren werden.»

Dazu passt der regulatorische Hintergrund. Für Regenrennen hat die FIA in dieser Saison die elektrische Leistung begrenzt und den Boost-Modus verboten. Die Antriebseinheit muss also wissen, dass sie im Nassmodus arbeitet, und genau an dieser Schnittstelle zwischen den Vorgaben der FIA und der Software der Hersteller scheint es gehakt zu haben. Bemerkenswert ist, dass gleich drei Autos mit Ferrari-Motor stehen blieben.

Ein bekanntes Problem in neuer Form

Ganz neu ist das Thema nicht. Schon beim Saisonauftakt in Melbourne kamen mehrere Fahrer mit fast leerer Batterie in die Startaufstellung. Red-Bull-Teamchef Laurent Mekies erklärte damals, dass das ungewöhnliche Fahrverhalten auf der Einführungsrunde, also Beschleunigen und Bremsen im Wechsel, um Reifen und Bremsen auf Temperatur zu bringen, die Teams an einen Punkt gebracht habe, an dem sie den richtigen Ladezustand für den Start nicht mehr erreichen konnten. Die Rückgewinnung von Energie ist auf der Einführungsrunde begrenzt, der Verbrauch beim Aufwärmen dagegen hoch.

In Sepang kamen nun mehrere Faktoren zusammen, die es so noch nie gegeben hatte: mehrere langsame Runden hinter dem Safety Car statt einer Einführungsrunde, nasse Strecke, ein neuer Regenmodus mit begrenzter Leistung und frisch aufgespielte Parameter. Die Antriebe von 2026 beziehen fast die Hälfte ihrer Leistung aus dem Elektroteil, entsprechend empfindlich reagieren sie, wenn das Energiemanagement aus dem Takt gerät.

Einordnung: die Theorie vom fehlenden MGU-H

Wichtig vorab: Was folgt, ist eine technische Theorie der Redaktion und keine bestätigte Ursache. Sie zeigt, warum gerade das neue Reglement in einer solchen Situation verwundbar sein könnte.

Bis Ende 2025 sass am Turbolader die MGU-H, eine elektrische Maschine, die den Turbo auch bei niedriger Motordrehzahl auf Touren hielt und so das klassische Turboloch verhinderte. Mit dem Reglement 2026 wurde sie gestrichen, der Turbo wird wieder ausschliesslich vom Abgasstrom angetrieben. Rollt ein Auto minutenlang mit Safety-Car-Tempo und niedrigen Drehzahlen über eine nasse Strecke, liefert der Verbrennungsmotor wenig Abgasenergie, der Turbo verliert Drehzahl und damit Ladedruck.

Denkbar ist, dass die Motorsteuerung in dieser Phase versucht, fehlendes Drehmoment über die MGU-K an der Kurbelwelle auszugleichen. Weil hinter dem Safety Car und im Regen kaum hart gebremst wird, lässt sich gleichzeitig nur wenig Energie zurückgewinnen. Die Batterie würde sich so leeren, ohne nachgeladen zu werden. Kommen dann unplausible Werte zusammen, etwa niedriger Ladedruck bei hoher elektrischer Anforderung, könnte die Steuerung in einen Schutzmodus schalten, der den Antrieb im Extremfall lahmlegt. Ein Neustart des Systems, wie ihn Hamilton auf der Strecke durchführte, würde zu diesem Bild passen.

Ob diese Kettenreaktion tatsächlich so abgelaufen ist, kann derzeit niemand von aussen sagen. Die offiziellen Aussagen sprechen bisher von Software und neuen Parametern, nicht von Ladedruck oder Batteriestand. Plausibel ist die Theorie dennoch, weil sie erklärt, warum ausgerechnet die langsame Fahrt hinter dem Safety Car im Regen zum Problem wurde.

Was jetzt zählt

Zum Zeitpunkt dieses Artikels stand ein Neustart noch aus, das Zeitfenster für das Rennen reicht bis 18.40 Uhr Ortszeit. Für die Formel 1 steht an diesem Nachmittag mehr auf dem Spiel als das Ergebnis. Das neue Reglement hat seinen ersten echten Regentest nicht bestanden, bevor überhaupt die Ampel erloschen war. Ob FIA und Hersteller die Ursache schnell und transparent benennen, wird darüber entscheiden, wie viel Vertrauen Fahrer und Fans in die Technik dieser Generation setzen. Race Trace verfolgt die Erklärungen aus dem Fahrerlager und ergänzt diesen Artikel, sobald die Ursache feststeht.