Bobby Travis · NASCAR/IndyCar-Korrespondent
Nach 63 Rennen ohne Sieg holt sich Marcus Ericsson beim IndyCar-Debüt auf den Strassen von Markham die Trophäe zurück, mit einem späten Reifenwechsel, der das ganze Feld überrumpelte.
Neunzig Runden über den neuen 12-Kurven-Kurs in der Innenstadt von Markham, und am Ende stand ein Name oben, den viele schon fast abgeschrieben hatten. Marcus Ericsson gewann das erste Rennen an diesem Ort, das den langjährigen Toronto-Slot im Kalender übernommen hat, und er tat es nicht durch reine Pace, sondern durch eine Strategie, die auf dem Papier riskant aussah und auf der Strecke perfekt aufging.
Der Reifenwechsel, der alles drehte
21 Runden vor Schluss führte Ericsson das Feld an, kam aber trotzdem an die Box. Der Andretti-Pilot schnallte sich frische Alternate-Reifen auf und fiel prompt auf Position sieben zurück, während der Rest des Spitzenfelds draussen blieb. Auf den ersten Blick ein Fehler, auf den zweiten ein kalkuliertes Risiko mit deutlich mehr Grip.
Was dann folgte, war reines Lehrbuch-Racing durch den Verkehr. Ericsson frass sich Runde für Runde nach vorn, schloss den Rückstand auf den führenden Romain Grosjean systematisch auf und setzte den entscheidenden Move fünf Runden vor der Zielflagge. Am Ende stand ein Vorsprung von 7,5305 Sekunden, sein fünfter IndyCar-Sieg und der erste seit 63 Rennen ohne Erfolg.

Grosjean nahm die zweite Position mit nach Hause, sein erstes Podium seit 2023, ein Ergebnis, das für Dale Coyne Racing an diesem chaotischen Wochenende schwer wog.
Fosters Traumtag endet an der Mauer
Louis Foster hatte sich das Wochenende komplett anders vorgestellt. Der Rahal-Letterman-Lanigan-Pilot fuhr im Qualifying einen Streckenrekord heraus und sicherte sich seine zweite Pole-Position der Karriere, nachdem das Freitagsprogramm wegen unfertiger Streckenbau-Arbeiten komplett gestrichen und Training sowie Qualifying auf einen vollgepackten Samstag gequetscht worden waren.
Im Rennen selbst hielt Foster lange die Spitze und lieferte sich einen intensiven Kampf mit Ericsson um die Führung. Runde 43 wurde ihm zum Verhängnis. Beim Duell in Kurve drei streifte er die Innenmauer und schlug im Anschluss hart in die Aussenbarriere ein, ein bitteres Ende für einen Fahrer, der sich das Wochenende über konstant gesteigert hatte.
Auch Kyle Kirkwood erwischte es an fast identischer Stelle. In den Runden 53 und 54 krachte der Meisterschafts-Aspirant in Turn 3 in die Mauer und musste sein Auto abstellen. Für Álex Palou, der als Vierter über die Linie kam, bedeutet das im Titelkampf einen weiteren Ausbau seines Punktevorsprungs, während Kirkwoods Chancen an diesem Nachmittag einen empfindlichen Dämpfer erhielten.
Powers Marsch durch das Feld

Wer im Qualifying zugesehen hatte, wie Will Power mit einer Zeit von über 1:20 auf Startplatz 24 landete, hätte kaum ein Podium erwartet. Doch der Andretti-Pilot navigierte sich durch das Chaos des Rennens, vermied die Karambolagen an der Hairpin und in Turn 3 und Turn 4, und stand am Ende als Dritter da, 21 Positionen weiter vorn als beim Start. Zusammen mit Ericssons Sieg brachte das gleich zwei Andretti-Autos aufs Podium.
Die Ausfallquote an diesem Tag war beachtlich. Mick Schumacher schied früh nach einem heftigen Einschlag in Turn 4 aus, der die erste Caution des Rennens auslöste, Felix Rosenqvist musste wegen wiederkehrender Probleme mit dem Kraftstoffdruck aufgeben, und mit Foster und Kirkwood verloren gleich zwei Top-Piloten spät noch ihre Chance auf ein gutes Ergebnis. Für ein Debüt-Event auf einem engen, unnachgiebigen Stadtkurs war das ein Rennen, das zeigte, wie schnell sich in Markham Vorsprünge in Wrackteile verwandeln können, und wie viel ein cleverer Reifenwechsel zur richtigen Zeit noch wert sein kann, wenn der Rest des Feldes zögert.





