Marco Rossi · F1-Korrespondent
Die Begeisterung ist zurück, doch der Terminplan der Formel 1 kennt keine Nostalgie.
FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem hat dem argentinischen Präsidenten Javier Milei beim FIA American Congress in Buenos Aires prinzipiell zugesagt, dass ein Grand Prix in Argentinien in den Formel-1-Kalender zurückkehren könnte. Die Bedingung, die er im lokalen Fernsehen formulierte, ist jedoch unmissverständlich: Der Kalender ist mit derzeit 24 Rennen an seiner Belastungsgrenze angekommen, ein neuer Grand Prix würde nur Platz finden, wenn ein anderer weicht.
Zwischen Sympathie und Sachzwang

Das Motorsport-Fieber in Argentinien ist derzeit so intensiv wie seit Jahrzehnten nicht mehr, getragen vom Aufstieg von Franco Colapinto und dem bis heute lebendigen Erbe von Juan Manuel Fangio. Milei wollte diesen Schwung nutzen, um die Formel 1 nach fast dreissig Jahren Pause zurück ins Autódromo Oscar y Juan Gálvez zu holen, jene Traditionsstrecke am Rand von Buenos Aires.
Ben Sulayem liess in seiner Antwort keinen Zweifel daran, dass die FIA das Anliegen ernst nimmt. „Verdient Argentinien einen Platz im Kalender? Die Antwort lautet Ja“, sagte er und verwies neben der Rennsporthistorie des Landes auch auf die wirtschaftliche Konsolidierung unter Milei. Doch dieses Ja ist, wie er selbst klarstellte, an eine rein rationale Rechnung gebunden: „Abseits der emotionalen Seite gibt es die rationale Ebene. Es gibt ein Verfahren, einen Businessplan und eine begrenzte Anzahl an Plätzen. Wenn Argentinien hineinwill, muss jemand anderes gehen“, sagte Ben Sulayem.
Der Verteilungskampf um die letzten freien Slots
Genau an dieser Formel entzündet sich der eigentliche Konflikt hinter den Kulissen der Königsklasse. Fahrer und Teams verlangen eine Deckelung der Renndichte, um die Belastung durch Reisen über mehrere Kontinente hinweg in vernünftigen Grenzen zu halten, ein Wunsch, dem sich Liberty Media als Rechteinhaber nicht länger verschliessen kann, ohne die eigene Belegschaft zu überfordern. Gleichzeitig stehen zahlungskräftige Bewerber aus dem Nahen Osten, Asien und den USA Schlange, bereit, für einen Startplatz im Kalender dreistellige Millionenbeträge an Antrittsgebühren zu zahlen.
Argentinien reiht sich damit in eine lange Warteliste ein und erhöht zugleich den Druck auf Strecken, die kommerziell nicht mehr ohne weiteres mit modernen Stadtkursen mithalten können. Traditionsstrecken wie Spa-Francorchamps oder Imola geraten in dieser Rechnung immer wieder unter Druck, ihr Startrecht zu verlieren oder zumindest in ein Rotationsmodell mit anderen europäischen Rennen wie Zandvoort oder Barcelona gedrängt zu werden. Ein neuer Termin für Buenos Aires wäre also kaum eine reine Erweiterung, sondern müsste zwangsläufig auf Kosten eines etablierten Grand Prix gehen, ein Gedanke, der in Europa naturgemäss auf wenig Begeisterung stossen dürfte.
Modernisierung ja, Rückkehr erst am Ende der Dekade
Auch technisch ist das Projekt noch nicht spruchreif. Das Autódromo Oscar y Juan Gálvez wird derzeit für geschätzte 100 Millionen Dollar saniert, muss aber erst den Grade-1-Status der FIA erlangen, bevor überhaupt über einen konkreten Termin gesprochen werden kann. Selbst wenn diese Modernisierung fristgerecht abgeschlossen wird, dürfte eine Aufnahme in den Kalender nach der aktuellen Lage frühestens gegen Ende der Dekade realistisch werden, und auch dann nur, wenn ein anderer Grand Prix seinen Platz räumt.
Argentinien bringt für ein Comeback fast alles mit, was ein Rennveranstalter braucht: politisches Momentum, eine leidenschaftliche Fanbasis und mit Colapinto einen Sympathieträger, der das Land ohnehin schon an die Fernsehschirme der Welt zurückgebracht hat. Was fehlt, ist schlicht ein freier Platz in einem Kalender, der längst an seine eigenen Grenzen gestossen ist. Bis sich daran etwas ändert, bleibt Buenos Aires das, was es seit Jahren ist: ein Land mit Anspruch auf die grosse Bühne, das vorerst weiter im Zuschauerraum sitzen muss.




