Marco Rossi · F1-Korrespondent
Ein Startplatz-19-Fahrer gewinnt sein Heimrennen, ein Ferrari zerschellt in der Parabolica, und die Tifosi erleben einen Nachmittag zwischen Schrecken und Ekstase.
Andrea Kimi Antonelli hat den Grossen Preis von Italien am 6. September 2026 in Monza gewonnen, nachdem er das Rennen wegen einer Motorenstrafe von Startplatz 19 aus in Angriff nehmen musste. Es ist der erste Sieg eines italienischen Fahrers in Monza seit 1966, zustande gekommen nach einer roten Flagge, einem schweren Unfall von Charles Leclerc und einer strategischen Wendung durch eine Virtual-Safety-Car-Phase in der zweiten Rennhälfte.
Ein Ferrari zerschellt, das Rennen steht still
Schon die Ausgangslage versprach Spannung, weil ausgerechnet Pierre Gasly im Alpine die überraschende Pole-Position geholt hatte, während Mercedes seinen WM-Spitzenreiter wegen einer Motorenstrafe von ganz hinten losschicken musste. Was dann folgte, übertraf jede Erwartung an ein Startprozedere. In der ersten Schikane gerieten die beiden Ferrari-Piloten Charles Leclerc und Lewis Hamilton aneinander, Leclerc soll Hamilton dabei hart nach aussen gedrängt haben, sodass dieser durchs Kiesbett musste und auf Platz zehn zurückfiel. Über Boxenfunk liess Hamilton seinen Unmut deutlich hören.
Der eigentliche Schock kam kurz darauf. In der Verteidigung gegen Oscar Piastri geriet Leclerc am Ende der zweiten Runde nicht beim Anbremsen, sondern mitten in der schnellen Parabolica beim Beschleunigen ins Schleudern: Mit den linken Reifen kam er auf die grün bemalte Fläche jenseits der weissen Linie, der Ferrari brach aus und schlug mit hoher Geschwindigkeit in die Reifenstapel ein. Die Rennleitung musste sofort die rote Flagge zeigen, um die beschädigte Streckenbarriere zu reparieren. Leclerc konnte seinen Wagen aus eigener Kraft verlassen und wurde im Medical Center für gesund erklärt, sein Rennen aber war beendet, ausgerechnet vor den eigenen Tifosi. Zu dem Zwischenfall mit Hamilton räumte er später ein, es sei in der ersten Schikane schlicht zu eng gewesen und so etwas wolle man zwischen zwei Teamkollegen nicht sehen.
Von hinten durchs Feld: Antonellis Aufholjagd

Der Neustart nach der roten Flagge wurde zur Bühne für Antonelli. Von Position 19 kommend arbeitete er sich mit bemerkenswertem Tempo durchs Feld, bereits um Runde 15 stand er in den Punkten. Die Gerade in Monza kam dem Mercedes-Antriebsstrang dabei ebenso entgegen wie eine Reihe später und beherzter Bremsmanöver in den Schikanen, die aus einem Startplatz-Nachteil binnen weniger Runden eine echte Aufholjagd machten.
Den entscheidenden strategischen Impuls lieferte eine Virtual-Safety-Car-Phase, ausgelöst durch den Ausfall von Lance Stroll in Runde 26, der bei der Anfahrt auf Turn 1 mit einem vermuteten technischen Defekt am Streckenrand liegen blieb. Bereits kurz zuvor hatte Fernando Alonso seinen Aston Martin mit Schäden abgestellt, ein doppeltes Ausscheiden für das britische Team an einem ohnehin schon schwierigen Wochenende. Für Mercedes öffnete die VSC-Phase das Fenster für einen günstigen Reifenwechsel: Antonelli wechselte auf frische Medium-Reifen, während Teamkollege George Russell, der sich zuvor an Gasly vorbeigearbeitet und die Führung übernommen hatte, auf seinen älteren Hard-Reifen draussen blieb.
Das Duell mit Russell und ein historischer Moment
Mit dem frischeren Gummi schmolz Antonellis Rückstand auf Russell rasch von rund zwölf Sekunden auf fast nichts zusammen. Bereits eine Runde vor dem entscheidenden Schlag war er nah dran: In der ersten Schikane verbremste sich Russell und kam dadurch nicht optimal aus der Kurve, Antonelli versuchte den Angriff genau dort und rutschte selbst kurzzeitig durchs Kiesbett. Doch in Runde 50 von 53 gelang ihm der entscheidende Schlag: Mit DRS-Unterstützung setzte er sich vor der Variante Ascari an die Spitze und liess sich den Sieg bis zur Zielflagge nicht mehr nehmen. Russell wurde Zweiter, Max Verstappen sicherte sich mit einer soliden Aufholfahrt Platz drei, während Lando Norris und Oscar Piastri sich das gesamte Rennen über ein enges Duell lieferten und als Vierter und Fünfter ins Ziel kamen. Lewis Hamilton rettete nach seinem frühen Rückschlag noch Punkte für Ferrari und wurde Sechster, einziger Trost für die Scuderia an einem Nachmittag, der mit Leclercs Ausfall begonnen hatte.

Für Antonelli bedeutet der Sieg weit mehr als drei weitere Punkte in einer ohnehin komfortablen Tabellenführung. Ein Startplatz-19-Sieg ausgerechnet im eigenen Land, an der Strecke, die für italienische Fans seit sechzig Jahren auf einen einheimischen Gewinner gewartet hat, dürfte seinen Status im Fahrerlager weiter festigen und den WM-Vorsprung an der Spitze der Gesamtwertung auf komfortable Weise ausbauen. Für Ferrari bleibt der Tag dagegen ein Rückschlag mit Nachwirkung, technisch wie menschlich, und die Frage, wie das Team intern mit dem Vorfall zwischen seinen beiden Fahrern umgeht, dürfte die kommenden Wochen begleiten.





