Marco Rossi · F1-Korrespondent
Ein Wochenende, das von Ferraris Trainingsform über Mercedes’ Pole bis zu einem einsamen Sieg reichte und den WM-Vorsprung von Andrea Kimi Antonelli auf 123 Punkte wachsen liess, ohne die Entscheidung schon zu bringen.
Ferrari gab in allen drei Trainings das Tempo vor, Pole Position und Sieg aber gingen an Andrea Kimi Antonelli. Der Italiener hat das Wochenende zum Grand Prix der USA in Austin über weite Strecken geprägt und dabei seinen Vorsprung in der Fahrerwertung auf 123 Punkte vor George Russell ausgebaut. Die rechnerische Entscheidung über seinen ersten WM-Titel verschob sich dennoch auf den kommenden Grand Prix von Mexiko. Dazwischen lag ein Wochenende, in dem Red Bull im Rennen an sich selbst verzweifelte und sich quer durchs Feld, von der Spitzengruppe bis zum Hinterfeld, teils deutliche Verschiebungen gegenüber dem Qualifying ergaben.
Ferrari dominiert den Freitag, Mercedes schlägt am Samstag zurück
Drei Trainingssessions, drei Ferrari-Bestzeiten: Charles Leclerc eröffnete den Freitag mit der schnellsten Runde beider Sessions, am Samstagmittag übernahm Lewis Hamilton diese Rolle im dritten Training. Mit dem neuen Aerodynamik-Paket wirkte die Scuderia über eine einzelne schnelle Runde zunächst wie das Mass der Dinge in Austin, Leclerc warnte jedoch selbst, der Vorsprung werde das Qualifying kaum überstehen.
Genau das bestätigte sich im Qualifying. Antonelli liess sich von der Erwartungshaltung als Tabellenführer nicht beirren und setzte mit 1:34,035 Minuten die Bestzeit des gesamten Wochenendes, 0,179 Sekunden vor Max Verstappen und 0,215 Sekunden vor einem überraschend starken Isack Hadjar. Beide Ferrari blieben mit den Startplätzen vier und fünf hinter ihren eigenen Trainingsleistungen zurück, während McLaren mit Oscar Piastri auf Rang sieben und Lando Norris sogar nur auf Rang acht in eine schwierige Ausgangslage für den Sonntag rutschte.
Spitzengruppe: Leclerc und Norris legen zu, Hadjar und Russell fallen zurück
Im Rennen drehte sich das Bild an der Spitze mehrfach. Leclerc verbesserte sich von Startplatz vier auf den zweiten Rang und setzte sich dabei neun Runden vor Schluss mit einem Manöver in Kurve zwölf gegen Verstappen durch, der seinerseits von Startplatz zwei auf Rang drei zurückfiel. Nach dem Rennen liess Verstappen seinem Frust über Boxenfunk freien Lauf: “Terrible: die Pace, der falsche Reifen, scheiss Boxenstopp, scheiss Motorbremse. Nichts hat funktioniert”, sagte er, und ergänzte gegenüber den Medien sarkastisch, man könne auch gleich mit Zeichensprache kommunizieren, das wäre wahrscheinlich sogar günstiger. Neben einem schwachen Start und Ausfällen der Funkverbindung zur Box haderte er mit der Reifenstrategie und der Motorbremse.
Noch deutlicher traf es Hadjar, der von Startplatz drei auf Rang sechs zurückfiel, den grössten Rückschritt innerhalb der Spitzengruppe. Auch er forderte nach dem Rennen Konsequenzen und verlangte von Red Bull ein robusteres Kupplungssystem, das der thermischen Belastung beim Start standhält. Hamilton dagegen verbesserte sich von Platz fünf auf vier und setzte Verstappen in der Schlussphase noch unter Druck, ehe am Ende gut eine Sekunde fehlte. Laut Hamilton hatte ihn vor allem starkes Untersteuern in den ersten beiden Stints zurückgeworfen, ein Problem, das er stärker auf die Fahrzeugbalance als auf das Timing der Virtual-Safety-Car-Phasen zurückführte.
Bei Mercedes verlief der Sonntag zweigeteilt. Während Antonelli von der Pole aus souverän kontrollierte, fiel Russell von Startplatz sechs auf Rang acht zurück, nachdem ihn eine Fünf-Sekunden-Strafe für ein Verlassen der Strecke beim Duell mit Piastri in der ersten Runde zurückgeworfen hatte. Seine eigene Einschätzung fiel entsprechend nüchtern aus: Nur in sechs von 50 Runden sei das Tempo in Ordnung gewesen, sagte Russell und bezeichnete seine Pace als “Müll”. Norris dagegen zeigte die positivste Bewegung der Spitzengruppe, von Startplatz acht auf Rang fünf, nachdem er seine harten Reifen über einen 40 Runden langen Schlussstint gestreckt hatte und zeitweise sogar Zweiter lag, ehe ihn Leclerc, Verstappen und Hamilton auf frischerer Gummimischung überholten. Sein Teamkollege Piastri, der nach einer Anweisung des Teams in Runde acht Platz gemacht hatte, blieb wie im Qualifying auf Rang sieben, hielt Russell aber rund 30 Runden lang hinter sich.
Mittelfeld kämpft um Punkte, Ausfälle prägen das Hinterfeld
Im Mittelfeld behauptete Liam Lawson mit einer Einstopp-Strategie seinen neunten Startplatz, dahinter rettete Pierre Gasly von Startplatz zehn trotz einer frühen Kollision mit Oliver Bearman und spürbarem Schaden am Unterboden einen Punkt. Nico Hülkenberg fiel nach dem Start durch das Anti-Stall-System auf Rang 15 zurück, kämpfte sich noch auf Platz elf vor und blieb damit nur knapp ausserhalb der Punkte. Besonders bemerkenswert war die Fahrt von Gabriel Bortoleto: Nach einem Antriebseinheiten-Wechsel musste der Audi-Pilot vom Ende des Feldes starten und kam dennoch bis auf Rang 13 nach vorn. Arvid Lindblad, der sich im Qualifying noch Rang neun erfahren hatte, aber wegen einer Strafversetzung weiter hinten starten musste, kam nicht über Platz zwölf hinaus.
Das Hinterfeld bot gleich drei Ausfälle. Oliver Bearman musste seinen Haas nach der frühen Kollision mit Gasly und einer dafür verhängten Zehn-Sekunden-Strafe in Runde 24 abstellen, nachdem der Schaden an Unterboden und Aerodynamik unaufholbar geworden war. Franco Colapinto, der nach einer Zehn-Plätze-Grid-Strafe wegen eines Wechsels der Steuerelektronik von weit hinten gestartet war, schied im späteren Rennverlauf aus, nachdem ihn eine Berührung mit Lindblad in Kurve 1 Seitenkasten und Unterboden gekostet hatte. Valtteri Bottas rundete die Ausfallliste ab, sein Cadillac blieb wenige Runden vor Schluss mit einem Antriebsproblem an einer Notausfahrt liegen und löste damit eine weitere Virtual-Safety-Car-Phase aus. Weiter hinten zeigten Esteban Ocon, Lance Stroll und Alexander Albon mit Sprüngen von jeweils drei Plätzen gegenüber dem Qualifying die deutlichsten Verbesserungen im Hinterfeld, während Fernando Alonso nach einem Kontakt mit Albon in der ersten Runde und einem späteren Frontflügelwechsel nur 16. wurde.
Für die Meisterschaft bleibt die Lage nach Austin eindeutig, aber noch nicht entschieden. Antonelli führt mit 365 zu 242 Punkten komfortabel vor Russell, während sich Ferrari mit 30 zu 29 Punkten das Teamduell des Tages knapp gegen Mercedes sicherte, am Abstand von 607 zu 474 Punkten in der Konstrukteurswertung aber nichts Grundsätzliches änderte. McLaren und Red Bull liegen mit je 355 Punkten gleichauf im Kampf um Rang drei, wobei Red Bull nach den Startproblemen und der internen Kritik von Verstappen und Hadjar in Austin einiges aufzuarbeiten hat. Laut einer Hochrechnung von formula1.com würde für Antonelli in Mexiko bereits ein neunter Platz genügen, um sich seinen ersten Fahrertitel vorzeitig zu sichern, unabhängig davon, wie seine Verfolger dort abschneiden. Nach dem knapp verpassten Matchball von Austin dürfte der junge Italiener wohl kaum ein zweites Mal eine Gelegenheit verstreichen lassen wollen.
Fahrerwertung
Formel 1- 1. Andrea Kimi Antonelli 365 Pkt.
- 2. George Russell 242 Pkt.
- 3. Lewis Hamilton 241 Pkt.
- 4. Max Verstappen 236 Pkt.
- 5. Charles Leclerc 233 Pkt.
- 6. Lando Norris 211 Pkt.
- 7. Oscar Piastri 144 Pkt.
- 8. Isack Hadjar 105 Pkt.
- 9. Liam Lawson 77 Pkt.
- 10. Pierre Gasly 42 Pkt.





