Klaus Weber · DTM-Korrespondent
Matteo Cairoli und Marco Wittmann teilen sich die Siege am Nürburgring, doch die eigentliche Wende für die Meisterschaft fällt am Sonntag in der ersten Kurve.
Zwei Rennen, zwei Sieger, und dazwischen ein Start, der die Ausgangslage für den Rest der Saison verändert hat. Matteo Cairoli fuhr am Samstag von der Pole zu einem Start-Ziel-Sieg mit fast zehn Sekunden Vorsprung, wie er im engen DTM-Feld selten vorkommt. Am Sonntag übernahm Marco Wittmann, nachdem sich zwei der aktuell schnellsten Fahrer der Meisterschaft, Maro Engel und Lucas Auer, in der ersten Kurve gegenseitig aus dem Rennen genommen und dabei auch Kelvin van der Linde mitgerissen hatten. Wer nur auf das Podium schaut, verpasst dabei die eigentliche Geschichte des Wochenendes: Im Mittelfeld drehte sich die Reihenfolge zwischen Qualifying und Rennen teils um mehr als zehn Positionen.
Enges Feld von Training bis Qualifying

Im ersten freien Training gab Cairoli mit 1:26.144 Minuten den Ton an, knapp vor Lucas Auer und Marco Mapelli. Im zweiten Training sank die Bestzeit um rund sechs Zehntel: Thomas Preining übernahm mit 1:25.517 Minuten die Führung. Auffällig: Schubert Motorsport mit Kelvin van der Linde und Wittmann tauchte in beiden Sessions konstant unter den Top fünf auf, ein Hinweis darauf, dass das Renntrimm des BMW M4 GT3 EVO über die Sitzungen hinweg stabil funktionierte.
Im ersten Qualifying bestätigte sich das enge Niveau: Cairolis Pole-Zeit von 1:25.345 Minuten lag nur 36 Tausendstel vor Preining und 78 Tausendstel vor Auer. Die ersten vier Positionen trennten gerade einmal 105 Tausendstel, eine Feldstärke, die in dieser Dichte selbst für die BoP-regulierte DTM ungewöhnlich ist. Am anderen Ende der Zeitentabelle lief es für HRT Ford Performance dagegen schon vor dem Start aus dem Ruder: Finn Wiebelhaus fehlten 12,1 Sekunden auf die Spitze, Arjun Maini sogar 42,6 Sekunden. Beide starteten damit vom Ende des Feldes in ein Rennen, das für sie ohnehin schon vor der ersten Kurve gelaufen war.
Cairoli dominiert, das Mittelfeld zahlt drauf
Cairoli liess im Rennen nichts anbrennen und kontrollierte von der Pole bis zur Ziellinie. Der Vorsprung von 9,973 Sekunden auf Preining zeigt, dass hier keine Safety-Car-Phase oder ein Reifenproblem der Verfolger den Vorsprung künstlich aufgeblasen hat, sondern schlicht überlegenes Tempo im Renntrimm. Wittmann brachte seinen vierten Startplatz als Dritter ins Ziel, dahinter setzte sich Ben Dörr von Startplatz fünf auf Rang vier fest, vor Auer und Maro Engel.

Die eigentliche Geschichte des Rennens spielte sich aber weiter hinten ab. Acht Minuten nach dem Start krachte es an der NGK-Schikane zwischen Tom Kalender und Nicki Thiim. Die Rennleitung sah Thiim in der Verantwortung und belegte ihn mit einer Strafrunde, für Kalender war das Wochenende trotzdem gelaufen: Sein Mercedes musste beschädigt an die Box und schied aus. Ein Drittel des Feldes kam am Ende nicht ins Ziel. Neben Kalender fielen auch Kelvin van der Linde nach einem technischen Defekt, Timo Glock, Marco Mapelli, Finn Wiebelhaus, Arjun Maini und Mirko Bortolotti aus, mehrere von ihnen mit ordentlichem Trainingstempo aus den Freitagssessions.
Chaos in Kurve eins wendet das Wochenende

Im zweiten Qualifying setzte Jules Gounon mit 1:25.062 Minuten die Bestzeit, vor Ben Dörr und Cairoli, wobei die ersten neun Fahrer innerhalb von 0,24 Sekunden lagen, ein weiterer Beleg für die extreme Ausgeglichenheit dieses Feldes im Qualifying-Trimm. Im Rennen selbst entschied sich das Wochenende dann aber nicht im Zeittraining, sondern gleich in der ersten Kurve: Engel geriet mit Auer aneinander, Auer wurde in van der Linde gedreht, alle drei Autos erlitten Totalschaden und schieden aus, noch bevor die erste Runde beendet war. Für die Meisterschaft ist das relevant, weil damit zwei der bislang konstantesten Punktesammler des Wochenendes auf einen Schlag ohne Ergebnis blieben.
Von diesem Ausfall profitierte niemand so klar wie Tom Kalender. Weil er in Rennen 1 früh ausgeschieden war, hatte er für Rennen 2 noch einen frischen Reifensatz im Zugriff, ein Vorteil, den er von Startplatz elf konsequent nutzte. Am Ende stand er als Zweiter auf dem Podium, nur 0,517 Sekunden hinter Sieger Wittmann und 0,401 Sekunden vor Preining, der als Dritter komplettierte. Für den Nachwuchsfahrer war es die erste DTM-Podestplatzierung der Karriere, ausgerechnet nach einem Wochenende, das für ihn am Samstag mit einer Kollision begonnen hatte.

Auch weiter hinten im Feld gab es deutliche Bewegung. Bortolotti kletterte von Startplatz 16 auf Rang fünf, Maini von Platz zehn auf Position vier, Glock von 19 auf acht, alle drei nach Ausfällen am Samstag mit spürbar besserem Renntempo am Sonntag. Umgekehrt fiel Cairoli nach seinem Sieg vom Vortag von Startplatz drei auf Rang 13 zurück, Gounon von der Pole auf Platz 14, Dörr schied nach starkem Auftritt am Samstag diesmal sogar aus. Für die Meisterschaft bedeutet das Wochenende damit vor allem eines: Wittmann und Schubert Motorsport haben mit Sieg und Podium den Rückstand auf die bisherigen Spitzenreiter verkürzt, während ausgerechnet die beiden Mercedes-Fahrer an der Tabellenspitze, Engel und Auer, punktlos blieben. Wie stabil diese neue Ordnung ist, wird sich erst am nächsten Wochenende zeigen, wenn Ballast und Reifenallokation wieder von vorne verteilt werden.





