Marco Rossi · F1-Korrespondent
Acht Zehntel Vorsprung auf dem Papier, in der Realität ein Statement mitten im Titelkampf.
George Russell hat sich am Freitag, den 25. September 2026, die Pole Position für den Grand Prix von Aserbaidschan gesichert. Der Mercedes-Pilot fuhr in Q3 des Qualifyings auf dem Baku City Circuit eine Zeit von 1:42.526 und liess damit das gesamte Feld um mehr als acht Zehntel hinter sich, ein Vorsprung, wie man ihn selten in einer einzelnen Session sieht. Überschattet wurde die Session vom Ausfall des WM-Führenden Kimi Antonelli, der in Q1 nach einem Kontakt mit der Mauer in Kurve 1 ausschied.
Russell setzt ein Ausrufezeichen
Wer die Bestzeiten der drei Trainingssessions verfolgt hatte, konnte ahnen, dass Mercedes in Baku konkurrenzfähig sein würde. Was Russell am Freitagabend jedoch ablieferte, ging über blosse Konkurrenzfähigkeit hinaus. Er verbesserte sich in Q3 auf jeder Runde und fuhr am Ende eine Zeit, die seine engsten Verfolger Leclerc und Piastri um 0.837 respektive 0.838 Sekunden verfehlten, ein Abstand, der auf dem engen Strassenkurs von Baku fast beleidigend wirkt.
Berichten zufolge ist es die zwölfte Pole Position seiner Karriere, und sie kommt zu einem Zeitpunkt, der für Russell kaum besser hätte liegen können. Sein Teamkollege Antonelli führt die Fahrerwertung an, doch mit einer Pole und einem katastrophalen Qualifying-Ergebnis auf der anderen Seite der Box öffnet sich für Russell die Chance, im Titelkampf innerhalb des eigenen Rennstalls deutlich aufzuholen. Der Ausgangspunkt für Samstag könnte damit auch zum Wendepunkt in der internen Mercedes-Rangordnung werden.
Antonellis Ausfall verschiebt die Ausgangslage
Die Dramatik der Session lag jedoch nicht allein vorne, sondern vor allem hinten im Feld, wo der WM-Spitzenreiter zu finden sein wird. Andrea Kimi Antonelli streifte in Q1 an Kurve 1 die Innenwand und beschädigte sich dabei die linke Vorderradaufhängung. Zwar reichte seine gesetzte Zeit rein rechnerisch für den Einzug in Q2, das Auto liess sich jedoch nicht mehr reparieren, sodass Antonelli ohne weitere gefahrene Runde blieb. Er startet das Rennen von Startplatz 16, ein Rückschlag, der die Meisterschaftsdynamik zwischen den beiden Mercedes-Piloten über Nacht verändert hat.
Für einen Fahrer, der die WM-Tabelle anführt, ist ein solcher Ausfall in der Qualifikation mehr als nur verlorene Startplätze. Es ist eine verlorene Gelegenheit, den Vorsprung an einem Wochenende auszubauen, an dem der eigene Teamkollege das schnellste Auto im Feld hatte. Wie stark sich das auf die Gesamtwertung auswirkt, wird sich erst im Rennen zeigen, doch die Ausgangslage für Antonelli ist an diesem Wochenende so schwierig wie selten zuvor in dieser Saison.
Ferrari knapp vor Piastri, Verstappen fällt zurück
Hinter Russell zeichnete sich ein enges Duell um die vorderen Startplätze ab. Charles Leclerc sicherte sich mit Platz zwei die vordere Aussenposition, gerade einmal einen Tausendstel vor Oscar Piastri im McLaren, eine Marge, die im Qualifying kaum kleiner sein könnte. Nach der Session zeigte sich der Ferrari-Pilot zwiegespalten: "Ehrlich gesagt war meine Runde ziemlich gut, aber als ich den Abstand zu George sah, war die Runde nicht gut genug. In Bezug auf die Position stehen wir dort, wo wir es erwartet haben, aber was den Rückstand angeht, ist es viel mehr als erwartet", sagte Leclerc. Die Aussage fasst die Stimmung im Fahrerlager gut zusammen: Ferrari lieferte eine solide Leistung ab, wurde aber von einem Mercedes überstrahlt, der an diesem Wochenende schlicht in einer anderen Liga unterwegs war.
Isack Hadjar komplettierte mit Startplatz vier eine bemerkenswerte Leistung für Red Bull, während Lando Norris auf Platz fünf landete, dem Berichten zufolge auf seiner finalen Runde ein Verbremser eine bessere Platzierung kostete. Sein Teamchef dürfte sich dennoch mit zwei Autos in den Top Fünf zufrieden zeigen. Auffälliger war das Bild bei Max Verstappen, der die Trainings noch mit Bestzeit in FP3 dominiert hatte und im Qualifying nur Achter wurde. Berichten zufolge erschwerten gelbe Flaggen in Q3 sein letztes fliegendes Rundensegment, ein Rückschlag, der die Formkurve des Weltmeisters an diesem Wochenende deutlich unter das Niveau der Trainingssessions drückt.
Für das Rennen am Samstag bedeutet die Startaufstellung vor allem eines: George Russell hat vom ersten Startplatz aus alle Freiheiten, das Tempo zu diktieren, während sich dahinter ein enges Feld formiert, in dem Ferrari, McLaren und Red Bull um jeden Meter kämpfen dürften. Ob Antonelli aus Startplatz 16 überhaupt in Reichweite der Punkteränge kommt, wird eine der zentralen Fragen des Renn-Samstags sein, denn in Baku entscheidet oft schon die erste Kurve über den weiteren Verlauf des gesamten Rennens.




