Marco Rossi · F1-Korrespondent
Ein tropischer Wolkenbruch, ein Führungscrash in der ersten Runde und ein Teamduell, das auf der letzten Runde in Kurve 5 eskalierte: Der Sprint von Singapur bot mehr Drama als manches Grand-Prix-Rennen.
Max Verstappen hat den vom Regen geprägten Sprint beim Grand Prix von Singapur am Samstag auf dem Marina Bay Street Circuit gewonnen und sich damit seinen ersten Erfolg überhaupt an dieser Strecke gesichert. Ein Wolkenbruch kurz vor dem geplanten Start hatte vor allem im Bereich der Kurven zwei und drei stehendes Wasser hinterlassen, sodass der Beginn um rund eine halbe Stunde verschoben wurde. Nach zwei Formationsrunden hinter dem Safety-Car gab die Rennleitung einen stehenden Start frei, das gesamte Feld auf Intermediates und die Distanz von 21 auf 20 Runden verkürzt. Am Ende reichten nur 13 von 22 gestarteten Fahrzeugen bis ins Ziel, ein Mass an Ausfällen, das die schwierigen Bedingungen auf dem Strassenkurs deutlich macht.
Russells Führungstraum endet nach einer Runde
George Russell erwischte vom zweiten Startplatz aus den perfekten Start und zog noch vor der ersten Kurve an Pole-Mann Verstappen vorbei. Es war ein Statement, kurzlebig allerdings: Am Ausgang der letzten Kurve der ersten Runde verlor der Mercedes-Pilot auf der nassen Fahrbahn die Kontrolle und schlug in die Streckenbegrenzung ein. Die Führung, die er sich gerade erst erkämpft hatte, war damit sofort wieder weg, und Verstappen übernahm die Spitze zurück, die er bis zur Zielflagge nicht mehr abgab.
Der Russell-Unfall zog das erste Safety-Car des Nachmittags nach sich, und schon der Restart nach Runde sechs sorgte für den nächsten Zwischenfall. Alexander Albon geriet in eine Kollision mit Gabriel Bortoleto und Valtteri Bottas, bei der Bortoleto und Bottas sofort ausschieden. Albon versuchte nach einem Reifenwechsel zunächst weiterzufahren, musste den Williams aber wenig später wegen der Folgeschäden endgültig abstellen. Zu diesem Zeitpunkt fehlten bereits vier weitere Autos: Sergio Pérez und Lance Stroll waren in der Anfangsphase miteinander kollidiert, Isack Hadjar hatte seinen Red Bull mit Leistungsverlust abgestellt, und Franco Colapinto war mit einem noch ungeklärten Defekt auf der Strecke stehen geblieben. Das Teilnehmerfeld war damit schon früh arg gerupft.
Verstappen verwaltet, Hamilton rast von Platz sechs nach vorn
Während hinter ihm das Chaos tobte, machte Verstappen aus der Spitzenposition das, was er am besten kann: Er verwaltete die Safety-Car-Phasen sauber, hielt seine Intermediates auf der langsam abtrocknenden Strecke im Arbeitsfenster und brachte am Ende 2,6 Sekunden Vorsprung auf Hamilton ins Ziel. Seinen Erfolg wollte der Niederländer selbst allerdings nicht überbewerten. Er freue sich über den Sieg im Sprint, wolle aber vor allem am Sonntag gewinnen, erklärte Verstappen. Sorgen bereitet ihm sein erneut miserabler Start: Mit einem solchen Start sei das Rennen am Sonntag gelaufen, sofern nichts Verrücktes passiere.

Für echtes Aufsehen hinter ihm sorgte Lewis Hamilton. Von Startplatz sechs kommend arbeitete sich der Ferrari-Pilot bis auf Rang zwei vor und lieferte damit die konstanteste Leistung des Nachmittags unter den Topfahrern. Teamkollege Charles Leclerc komplettierte als Dritter einen starken Samstag für die Scuderia, die damit im Sprint beide Podestplätze hinter Verstappen besetzte, was als Achtungszeichen Richtung Hauptrennen gewertet werden dürfte.
McLaren crasht sich selbst aus den Top vier, Antonelli profitiert
Die bitterste Pointe des Nachmittags lieferten ausgerechnet die beiden McLaren-Piloten sich selbst. Oscar Piastri und Lando Norris kämpften in der Schlussphase um Rang vier, und auf der letzten Runde setzte Norris in Kurve 5 zu einem optimistischen Überholversuch an. In der Kurve berührten sich die beiden Autos, beide drehten sich, Piastri schlug in die Streckenbegrenzung ein und musste in der letzten Runde aufgeben, während Norris weiterfahren konnte und als Achter noch einen Punkt rettete. Norris entschuldigte sich umgehend über Teamfunk und erklärte, er habe geglaubt, bereits auf gleicher Höhe zu sein, sei am Scheitelpunkt aber der Platz ausgegangen. Die Rennkommissare leiteten im Anschluss eine Untersuchung des Vorfalls ein. Es ist nicht die einzige: Auch die Kollisionen zwischen Pérez und Stroll sowie zwischen Albon, Bortoleto und Bottas, Arvid Lindblads Fahrt in falscher Richtung nach seinem Dreher und ein möglicher Verstoss von Oliver Bearman während der Safety-Car-Phase werden nach dem Sprint untersucht. Das Ergebnis ist damit noch vorläufig.
Nutzniesser des McLaren-Missgeschicks war Andrea Kimi Antonelli, der sich dank der Kollision der beiden Teamkollegen noch auf Platz vier nach vorne schob. Für Lawson, Bearman und Hülkenberg bedeuteten die Plätze fünf bis sieben ungewöhnlich starke Punkteränge im Mittelfeld, ein Hinweis darauf, wie sehr die chaotischen Bedingungen das übliche Kräfteverhältnis im Mittelfeld durcheinanderwirbelten. Für McLaren kommt zum Punkteverlust wohl noch Arbeit hinzu: Nach dem Einschlag in die Streckenbegrenzung dürften die Mechaniker Piastris Auto bis zum Qualifying für den Grand Prix wieder herrichten müssen. Wie sich die Pole-Position-Form aus dem Sprint-Qualifying ins reguläre Qualifying und schliesslich ins Hauptrennen am Sonntag übersetzt, bleibt die eigentliche Frage dieses Wochenendes in Singapur.





