Marco Rossi · F1-Korrespondent
Nach 33 Jahren Abwesenheit holt sich die Königsklasse den afrikanischen Kontinent zurück, mit einem neuen Kurs, der erst noch gebaut werden muss.
Die Formel 1 hat am 13. Oktober 2026 einen Zehnjahresvertrag mit Ruanda unterzeichnet und kehrt damit erstmals seit 1993 nach Afrika zurück. Das erste Rennen des künftigen „Grossen Preises von Afrika“ ist frühestens für 2030 geplant, laut Formel 1 in den frühen 2030er-Jahren, ausgetragen wird es im Distrikt Bugesera, rund 40 Kilometer südlich von Kigali, direkt neben dem im Bau befindlichen neuen Flughafen Bugesera International Airport. Unterzeichnet wurde der Vertrag in Kigali, in Anwesenheit von Ruandas Präsident Paul Kagame, F1-CEO Stefano Domenicali und FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem.
Eine Lücke, die 33 Jahre offen blieb
Das letzte Formel-1-Rennen auf afrikanischem Boden fand 1993 auf dem Kyalami Grand Prix Circuit in Südafrika statt. Afrika blieb seither als einziger bewohnter Kontinent ohne eigenen Grand Prix. Mit dem Ruanda-Deal schliesst sich diese Lücke, die Formel 1 ist künftig wieder auf allen bewohnten Kontinenten präsent.
Für Fahrer wie Lewis Hamilton, den mehrfachen Weltmeister, war die Rückkehr der Königsklasse nach Afrika seit Jahren ein persönliches Anliegen. „In den vergangenen sechs Jahren habe ich im Hintergrund dafür gekämpft, einen Grand Prix zu bekommen“, sagte er laut Autosport. Dass es nun ausgerechnet Ruanda ist, das diese lange Abwesenheit beendet, dürfte als politisches wie sportliches Signal gelesen werden, weniger als Zufall denn als bewusste Entscheidung einer Rennserie, die ihr Portfolio seit Jahren gezielt in Richtung neuer, aufstrebender Märkte erweitert.
Der Kurs: Höhenmeter statt Flachland
Die Strecke selbst existiert bislang nur auf dem Papier. Entwickelt wird sie von der Designfirma des ehemaligen F1-Fahrers Alexander Wurz, WurzDesign, in Zusammenarbeit mit Tilke Engineering und DAR, also mit Büros, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten an zahlreichen neuen Formel-1-Kursen beteiligt waren. Geplant ist eine rund sechs Kilometer lange Strecke mit 17 Kurven, die gegen den Uhrzeigersinn verläuft und sich bewusst in die hügelige Landschaft Ruandas einbettet, mit Höhenunterschieden von rund 197 Metern pro Runde.
Diese Topografie wäre im aktuellen Kalender ein Alleinstellungsmerkmal. Die meisten modernen Grand-Prix-Strecken sind auf flachem Terrain oder in Stadtlagen entstanden, ein Kurs mit derart ausgeprägtem Höhenprofil würde für Fahrer und Ingenieure gleichermassen neue Fragen aufwerfen, von der Aerodynamik-Abstimmung bis zur Bremsbelastung in den Gefällestrecken.
Zeitplan und offene Fragen
Der lange Vorlauf bis in die frühen 2030er-Jahre ist kein Zufall, sondern eine direkte Folge der Infrastrukturlage. Sowohl die Rennstrecke als auch der benötigte Flughafen müssen komplett neu gebaut werden, der Eintrittspunkt des Rennens in den Kalender hängt deshalb massgeblich von der Fertigstellung des Bugesera International Airport ab, dessen Eröffnung für die zweite Hälfte der 2020er-Jahre vorgesehen ist. Verzögerungen bei solchen Grossprojekten haben sich in der jüngeren Vergangenheit bei neuen Formel-1-Standorten wiederholt gezeigt, weshalb sich ein konkretes Startjahr aktuell noch nicht seriös benennen lässt.
Neben der baulichen Dimension begleitet den Deal auch eine kritische Debatte. Amnesty International bezeichnete den Vertrag als „Sportswashing-Preis“ für die ruandischen Behörden und verwies auf willkürliche Inhaftierungen, Folter, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und Ruandas Unterstützung der M23-Miliz im Osten Kongos. Ein ähnlicher Vorwurf ist der Formel 1 in den vergangenen Jahren bereits bei mehreren Austragungsorten im Nahen Osten begegnet. Die Formel 1 entgegnete, der Sport könne in Afrika 100 Millionen Menschen erreichen und dort eine positive Kraft sein. Wie die Rennserie mit dieser Kritik umgeht, dürfte die öffentliche Wahrnehmung des Projekts in den kommenden Jahren mindestens so stark prägen wie der Baufortschritt der Strecke selbst. Bis zur ersten grünen Ampel in Bugesera bleibt ohnehin genug Zeit, in der sich zeigen wird, ob aus der Ankündigung tatsächlich ein fester Platz im Kalender wird.





