Marco Rossi · F1-Korrespondent
George Russell setzte am Donnerstagabend in Baku ein klares Zeichen, doch der eigentliche Sieger der Session war ein Teamkollege, der Stunden zuvor noch mit gebrochener Hydraulik am Streckenrand stand.
George Russell hat das zweite freie Training zum Grand Prix von Aserbaidschan am Donnerstag in Baku mit der Bestzeit von 1:43.347 gewonnen und damit Mercedes einen Doppelsieg auf dem Stadtkurs beschert. Hinter ihm reihte sich ausgerechnet WM-Spitzenreiter Andrea Kimi Antonelli ein, nur 0.552 Sekunden zurück, nachdem er wenige Stunden zuvor in FP1 mit einem Hydraulikdefekt liegengeblieben war. Max Verstappen wurde Dritter, klagte aber über Instabilität am Heck seines Red Bull, während eine rote Flagge nach dem Unfall von Arvid Lindblad die Einheit kurzzeitig unterbrach.
Antonellis Comeback nach dem Ausfall
Der Vormittag hatte für den WM-Führenden denkbar schlecht begonnen. In der neunten Runde von FP1 verlor Antonelli die Hydraulik seines Mercedes und musste den Wagen an Kurve 7 abstellen, was eine virtuelle Safety-Car-Phase auslöste und seine Session vorzeitig beendete. Das Team wechselte daraufhin den Motor, ein Eingriff, der unter normalen Umständen Sorgen um die Saisonbilanz der Antriebseinheiten wecken würde.
Von diesen Sorgen war am Nachmittag nichts mehr zu spüren. Antonelli fuhr sich in FP2 auf Rang zwei, nur gut eine halbe Sekunde hinter Russell, und stellte damit unter Beweis, dass der Ausfall am Vormittag keine strukturellen Nachwirkungen hatte. Für einen Fahrer, der die Gesamtwertung mit 81 Punkten Vorsprung auf ebenjenen Russell anführt, war das die richtige Antwort zur richtigen Zeit. Ein Mercedes-Doppelsieg im Training ist noch keine Trophäe, aber er zeigt, dass beide Seiten des Fahrerlagers beim Team aus Brackley aktuell über das schnellste Paket verfügen dürften.
Verstappen ringt mit dem Auto

Max Verstappen beendete die Session als Dritter, 0.827 Sekunden hinter Russell, doch die reine Zeit erzählte nicht die ganze Geschichte. Über Boxenfunk beschwerte sich der Niederländer wiederholt über mangelnde Stabilität der Hinterachse auf den Bodenwellen des Stadtkurses, ein Problem, das sich gegen Ende der Session in einem Dreher in Kurve 15 entlud. Baku mit seinen langen Geraden und engen Schikanen bestraft ein nervöses Heck besonders unbarmherzig, und genau dort schien Red Bull am Donnerstag noch keine Antwort gefunden zu haben.
Für Verstappen und sein Team bedeutet das Arbeit über Nacht. Ein Rückstand von acht Zehnteln auf Rang drei ist im Training selten dramatisch, aber die Unruhe im Auto, gepaart mit dem Dreher, deutet darauf hin, dass Red Bull das Setup am Stadtkurs noch nicht im Griff hat. Angesichts der Dominanz von Mercedes an diesem Nachmittag dürfte der Handlungsdruck vor dem Qualifying spürbar gestiegen sein.
Rote Flagge und Ärger zwischen Ferrari und Racing Bulls

Die Session wurde zusätzlich durch einen Unfall von Arvid Lindblad unterbrochen. Der Racing-Bulls-Pilot streifte im engen Schlossbereich an Kurve 8 die Mauer, die Radaufhängung brach, und der Wagen krachte in die Begrenzung, was die Rote Flagge zur Folge hatte. Für den jungen Briten, der sich in seiner ersten vollen Saison noch an die Tücken der Stadtkurse gewöhnen muss, ein herber Rückschlag an einem Nachmittag, an dem er ohnehin nur Rang 18 belegte.
Für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgte laut Berichten aus dem Fahrerlager eine Szene vor der langen Zielgeraden, in der Lewis Hamilton auf einer langsamen Runde den heranrauschenden Liam Lawson behindert haben soll. Den Berichten zufolge leiteten die Rennkommissare daraufhin eine Untersuchung wegen möglicher gefährlicher Behinderung ein. Lawson selbst zeigte sich im Boxenfunk unmittelbar nach dem Vorfall unmissverständlich verärgert und bezeichnete das Manöver als “verdammt gefährlich”. Ob die Stewards das Verhalten Hamiltons tatsächlich sanktionieren, dürfte sich vor dem Qualifying am Freitag entscheiden, wenn die Trainingsrunden dieses Donnerstags endgültig zu Fussnoten werden.





