Bobby Travis · NASCAR/IndyCar-Korrespondent
In einer Serie, in der fast jedes Auto gleich schnell ist, sagt ein grosser Vorsprung mehr über den Fahrer als über die Technik.
Alex Palou führt die IndyCar-Meisterschaft 2026 mit deutlichem Punktevorsprung an, das nach Titeln in den Jahren 2021, 2023, 2024 und 2025 sowie dem Sieg bei den Indy 500. Der Spanier vom Team Chip Ganassi Racing hat sich in einem Feld mit nahezu identischem Material, Dallara-Chassis, Motoren von Honda oder Chevrolet, so weit abgesetzt, dass sich die Frage stellt, was ihn eigentlich von der restlichen Startaufstellung unterscheidet.
Konstanz statt Chaos
In der IndyCar entscheiden oft Hundertstelsekunden über die Startaufstellung. Ein Auto-Vorteil, wie ihn Formel-1-Teams manchmal über Saisons hinweg besitzen, existiert hier praktisch nicht. Wenn Palou also Woche für Woche vorne mitfährt, kommt das nicht aus der Box, sondern aus dem Cockpit.
Ein grosser Punktevorsprung entsteht in dieser Serie selten durch reine Siegesserien. Er entsteht durch Fehlerfreiheit. Palou leistet sich kaum unüberlegte Unfälle oder Ausfälle durch Fahrfehler. Kann er nicht gewinnen, nimmt er einen soliden zweiten oder dritten Platz mit, statt mit dem Kopf durch die Wand ein unnötiges Risiko einzugehen. Genau diese Disziplin, Runde für Runde, Rennen für Rennen, ist der eigentliche Grund für den Vorsprung in der Tabelle.
Fahrerwertung
NTT IndyCar Series- 1. Álex Palou 631 Pkt.
- 2. Kyle Kirkwood 545 Pkt.
- 3. Christian Lundgaard 535 Pkt.
- 4. Pato O’Ward 522 Pkt.
- 5. David Malukas 514 Pkt.
- 6. Scott McLaughlin 482 Pkt.
- 7. Marcus Ericsson 429 Pkt.
- 8. Josef Newgarden 423 Pkt.
- 9. Felix Rosenqvist 412 Pkt.
- 10. Rinus VeeKay 378 Pkt.
Ovale, Roadcourses, Stadtkurse: überall dasselbe Bild
Die IndyCar-Saison verlangt fahrerisches Allroundtalent wie kaum eine andere Serie. Superschnelle Ovale, klassische Roadcourses und enge, holprige Stadtkurse folgen im Kalender direkt aufeinander, und jeder Streckentyp verlangt einen komplett anderen Ansatz am Lenkrad. Ein Fahrer, der auf dem Roadcourse brilliert, tut sich auf dem Oval oft schwer, und umgekehrt.
Dass Palou sich mittlerweile auch auf den Ovalen zu einem der stärksten Fahrer des Feldes entwickelt hat, unterstreicht die Vielseitigkeit hinter dem Punktevorsprung. Wer die Meisterschaft über eine komplette Saison anführt, kann sich kaum Schwächen in einer Disziplin erlauben, und genau das gelingt ihm derzeit besser als den meisten im Feld, darunter etablierte Grössen wie Josef Newgarden, Scott Dixon oder Pato O’Ward.
Kühler Kopf, warmes Gefühl fürs Auto

Konkurrenten im Fahrerlager, darunter laut Berichten Will Power, beschreiben Palou immer wieder als den komplettesten Fahrer der Serie. Gemeint ist damit vor allem sein Gespür für das Verhältnis von Risiko und Ertrag: wann er angreifen muss und wann es klüger ist, Reifen und Punkte zu verwalten. Dazu kommt sein Sprit- und Reifenmanagement, das ihm im Rennen erlaubt, sparsam zu fahren, ohne spürbar Rundenzeit zu verlieren, ein Vorteil, der seinem Team Chip Ganassi Racing im Zusammenspiel mit Strategen Barry Wanser enorme taktische Flexibilität am Pit-Road-Timing gibt.
Am Funk wirkt Palou dabei fast durchgehend ruhig, egal ob eine Caution das Rennen durcheinanderwirbelt oder die Abstimmung des Autos zunächst nicht passt. Er arbeitet sich unaufgeregt nach vorne, statt in Panik zu verfallen. Und im Qualifying zeigt er, dass er nicht nur der schlaue Taktiker ist, sondern auch im Grenzbereich zu den Schnellsten der Serie gehört.
Der Punktevorsprung ist damit weniger ein Zufallsprodukt einer starken Saison als vielmehr das logische Ergebnis mehrerer Stärken, die selten in einem einzigen Fahrer zusammenkommen: Tempo, Kopf und die Chemie mit einem Team, das seinem Feedback blind vertraut. Sollte sich dieses Niveau über die restliche Saison halten, dürfte 2026 nicht die letzte Zeile in einer der dominantesten Fahrerbiografien sein, die die IndyCar in den letzten Jahren gesehen hat.





