Zwei Knöpfe, ein Rennen: Wie Push-to-Pass und Hybrid-Boost das IndyCar-Racing umgekrempelt haben

Start - Sonsio Grand Prix - Indianapolis Grand Prix - By: Joe Skibinski
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Bobby Travis · NASCAR/IndyCar-Korrespondent

Was früher ein simpler Kraftstoff-Boost war, ist heute eine Schachpartie in Echtzeit, bei der Energiemanagement über Sieg und Niederlage entscheidet.

Wer heute ein IndyCar-Rennen verfolgt, sieht auf den Geraden mehr als nur volles Rohr. Seit die Serie ihr Hybridsystem eingeführt hat, kämpfen Fahrer nicht mehr nur mit dem Gaspedal, sondern mit zwei getrennten Energiequellen, die sich in Funktionsweise und Timing fundamental unterscheiden. Push-to-Pass gab es schon lange, der Hybrid-Boost ist neu, und genau das Zusammenspiel beider Systeme hat Racing und Strategie in den vergangenen Rennen spürbar verändert, auf Roadcourses genauso wie auf den Ovalen.

Zwei Knöpfe, zwei Philosophien

Steering Wheel - Photo By: Joe Skibinski
Steering Wheel – Photo By: Penske Entertainment | Joe Skibinski

Push-to-Pass ist die klassische Waffe. Ladedruck rauf, mehr Kraftstoff, fertig. Begrenzt ist das Ganze über ein Zeitkontingent, typischerweise 150 bis 200 Sekunden pro Rennen auf Strassen- und Rundkursen. Auf Ovalen bleibt der Knopf meist aus. Wer P2P zieht, sieht seinen Timer runterlaufen, simpel und nachvollziehbar.

Der Hybrid-Boost tickt anders. Rund 50 bis 60 zusätzliche PS aus dem Elektromotor, aber kein Zeitkonto, sondern ein Energiebudget pro Runde. Der Fahrer muss den Kondensator selbst wieder aufladen, durch Bremsen oder gezieltes Lift-and-Coast am Kurveneingang. Und das auf jeder einzelnen Runde, auf jedem Streckentyp, auch auf dem Oval. Das macht den Hybrid-Boost zur dynamischen Grösse, während Push-to-Pass ein festes, endliches Gut bleibt.

Der Doppel-Boost und die neue Verteidigungskunst

Auf Strassen- und Rundkursen können Fahrer beide Systeme gleichzeitig zünden. Dann stehen kurzzeitig weit über 800 PS zur Verfügung, und ein Überholmanöver am Ende einer langen Geraden wird zur reinen Frage des Timings. Wer den Doppel-Boost am Kurvenausgang setzt, verkürzt den Windschatten-Weg drastisch und ist am Bremspunkt oft schon vorbei, bevor der Verteidiger reagieren kann.

Das Interessante ist die Verteidigung. Der Führende muss sein P2P-Kontingent nicht sofort opfern, um zu kontern, er kann stattdessen allein auf den Hybrid-Boost zurückgreifen, der ja ohnehin jede Runde neu verfügbar ist. Das verschiebt die klassische Rad-an-Rad-Situation weg vom reinen Mut auf der Bremse hin zu einer Rechenaufgabe: Wer hat wie viel Zeitguthaben übrig, und wer hat seinen Kondensator im richtigen Moment voll geladen. Genau diese Kombination aus Ressourcenmanagement und Reflex macht das Racing kognitiv anspruchsvoller, für Fahrer wie für Zuschauer, die die Anzeigen im Cockpit mitverfolgen.

Ovale, Reifen und das Ende der gelben Flagge als Dauerzustand

Auf den Ovalen, wo Push-to-Pass meist tabu ist, wurde der Hybrid-Boost zum Hauptwerkzeug. Teams tüfteln an Strategien wie dem dosierten Leistungsabruf über eine ganze Runde verteilt oder dem kompakten Boost-Stoss beim Herausbeschleunigen aus einer Überrundungssituation. Das klingt nach Feinschliff, ist es auch, denn auf dem Oval entscheidet oft der Zentimeter am Kurvenausgang über den nächsten Draft.

INDYCAR Hybrid - Honda Indy 200 at Mid-Ohio - By: James Black
INDYCAR Hybrid – Honda Indy 200 at Mid-Ohio – By: Penske Entertainment | James Black

Ein Nebeneffekt, der nicht zu unterschätzen ist: Der MGU-K-Antrieb kann abgewürgte Autos auf der Strecke selbstständig wieder anlassen. Das dürfte einer der Gründe sein, warum die Zahl der Full Course Yellows zurückgegangen ist, ein Fahrer muss nicht mehr zwingend auf die Cautions-Crew warten, wenn der Motor im Infield ausgeht.

Dazu kommt das Gewicht. Rund 40 bis 42 Kilogramm zusätzliche Masse durch das Hybridsystem belasten Hinterreifen und Bremsen stärker als früher. Volles Drehmoment aus der MGU-K beim Herausbeschleunigen nutzt die Reifen schneller ab, dauerhaftes Pushen ist damit kein Selbstläufer mehr. Die Rennstrategie hat sich dadurch ein Stück vom reinen Sprint-Racing weg entwickelt, hin zu einem feineren Abwägen zwischen Energieeinsatz und Reifenschonung, Runde für Runde.

Auch die Formel 1 hat inzwischen etwas Vergleichbares eingeführt, mit dem Manual Override Mode als Ersatz für das klassische DRS und einem auf fast 50 Prozent gestiegenen Hybridanteil bei insgesamt rund 475 PS Elektro-Leistung. Der Verfolger bekommt bei geringem Abstand zusätzliche Energie im Highspeed-Bereich, der Verteidiger kann kontern, wenn er sein eigenes Batteriemanagement klug genug eingeteilt hat. Was in der IndyCar-Serie längst Alltag ist, das Denken in Energiebudgets statt in reinem PS-Einsatz, dürfte damit auch auf der anderen Seite des Atlantiks zum entscheidenden Faktor werden. Für IndyCar heisst das: Die kommenden Rennen werden zeigen, ob Teams ihre Trickle-Deploy-Strategien auf den Ovalen weiter verfeinern, oder ob findige Ingenieure längst am nächsten Kniff arbeiten, um aus dem Energiebudget noch mehr herauszuholen.