Henri Dubois · Endurance-Korrespondent
Nach sechs Stunden zwischen Sonne und Schatten von Interlagos stand BMW M Team WRT vorn, nur gut zwei Sekunden vor Ferrari, während in der LMGT3-Klasse ein Aussenseiter-Trio aus der Turkey-by-TF-Mannschaft eine ganze Kategorie hinter sich liess.
Sechs Stunden Autódromo José Carlos Pace sind selten ein geradliniges Rennen, und auch dieses Wochenende bestätigte, warum Interlagos in der Hypercar-Klasse zu den Strecken zählt, auf denen Sekundenzehntel über Stunden verteilt entscheiden, während in der LMGT3-Klasse eine Fahrzeuggruppe das Feld regelrecht überrundete. Am Ende lagen die ersten vier Hypercar-Positionen innerhalb von etwas mehr als zwölf Sekunden, ein Resultat, das weniger von einem einzelnen dramatischen Moment erzählt als von der Summe zahlreicher kleiner Entscheidungen über sechs Stunden Renndauer. In der LMGT3-Klasse dagegen zeigte sich ein anderes Bild: Racing Team Turkey by TF holte sich mit gewaltigem Vorsprung von 23 Runden auf die nächstbeste Klassenposition im Klassement einen Erfolg, der die schiere Zermürbung dieses Rennens für weite Teile des Feldes offenlegt.
Ein Zermürbungsrennen mit engem Ausgang vorn
Kevin Magnussen, Raffaele Marciello und Dries Vanthoor brachten den BMW M Team WRT Boliden nach sechs Stunden und rund 26 Sekunden über der glatten Renndistanz als Erste über die Ziellinie, mit einem Vorsprung von 2,254 Sekunden auf den Ferrari AF Corse von Alessandro Pier Guidi, James Calado und Antonio Giovinazzi. Eine solche Differenz nach sechs Stunden Fahrzeit erzählt viel über die Natur dieses Wochenendes: Sie ist kein Zufallsprodukt einer letzten Runde, sondern das Resultat eines Rennens, in dem sich die Positionen über viele Stints hinweg kaum verändert haben, weil beide Fahrer-Trios ein vergleichbares Tempo über die gesamte Distanz halten konnten.
Cadillac Hertz Team Jota komplettierte mit Norman Nato und Will Stevens das Podium, nur 6,687 Sekunden hinter der Spitze, mit der zusätzlichen Auszeichnung für das saubere Fahrverhalten des Duos (Startrekord-Bonus). Bemerkenswert ist, dass das zweite Cadillac-Fahrzeug mit Earl Bamber, Sébastien Bourdais und Jack Aitken nur gut sechs weitere Sekunden dahinter auf Position vier landete, was zeigt, wie eng gestaffelt die Spitzengruppe über die gesamte Renndauer blieb. Ein Rennen, das über sechs Stunden nur zwölf Sekunden zwischen den ersten vier Positionen zulässt, ist ein Rennen, in dem jede Boxenstopp-Entscheidung, jeder Fahrerwechsel und jede Reaktion auf wechselnde Fahrbahnbedingungen Gewicht bekommt.
Die Favoriten aus dem Training finden sich weiter hinten wieder
Wer die freien Trainings verfolgt hatte, wäre von der Rennrangliste zunächst überrascht gewesen. Genesis Magma Racing hatte mit Mathieu Jaminet, Paul-Loup Chatin und Daniel Juncadella im zweiten freien Training die schnellste Zeit gesetzt und war auch in der Hyperpole-Session mit mehreren Fahrzeugen ganz vorn dabei, doch im Rennen fand sich dieses Trio letztlich nur mit einer Runde Rückstand auf Position 13 wieder. Ähnlich erging es Alpine Endurance Team, das mit Frédéric Makowiecki, Jules Gounon und Victor Martins im dritten freien Training die Bestzeit gesetzt hatte, im Rennen aber unter den Fahrzeugen mit Rundenrückstand landete, mit Ferdinand Habsburg, Charles Milesi und António Félix da Costa als bestplatziertem Alpine-Trio auf Rang zehn.
Diese Diskrepanz zwischen Trainingstempo und Renntempo ist im Langstreckensport keine Seltenheit. Sie erinnert daran, dass eine einzelne schnelle Runde über eine Distanz von wenigen Kilometern wenig darüber aussagt, wie sich ein Fahrzeug über Doppelstints, wechselnde Reifentemperaturen und die kumulierte Ermüdung eines Fahrer-Trios verhält. Toyota Racing mit Mike Conway, Kamui Kobayashi und Nyck de Vries reihte sich mit einer Runde Rückstand auf Position zwölf ein, während das zweite Toyota-Fahrzeug mit Ryō Hirakawa, Brendon Hartley und Sébastien Buemi mit zwölf Runden Rückstand am Ende des klassierten Hypercar-Feldes landete, ein Ergebnis, das auf ein längeres Strategiefenster oder eine technische Komplikation im Rennverlauf hindeutet, ohne dass sich aus den vorliegenden Daten ein einzelner Auslöser benennen liesse.
LMGT3: Racing Team Turkey by TF dominiert eine zermürbte Klasse
Während sich die Hypercar-Spitze um Sekunden stritt, zeigte die LMGT3-Klasse ein völlig anderes Bild. Peter Dempsey, Salih Yoluç und Charlie Eastwood brachten den Racing Team Turkey by TF Boliden mit einem Vorsprung von 23 Runden auf die nächstplatzierten Klassenkonkurrenten von Team WRT (Daniel Harper, Parker Thompson, Anthony McIntosh) ins Ziel, ein Abstand, der sich nur durch eine Kombination aus konstantem Tempo über die gesamte Renndistanz und Ausfällen oder Verzögerungen bei anderen LMGT3-Fahrzeugen erklären lässt. The Bend Manthey mit Yasser Shahin, Riccardo Pera und Richard Lietz komplettierte das Podium mit einer weiteren Runde Rückstand auf Team WRT.
Für Racing Team Turkey by TF, die sich in den freien Trainings und im Qualifying im Mittelfeld der LMGT3-Zeiten bewegt hatten, war dies der bislang deutlichste Erfolg der Saison. Er zeigt exemplarisch, wie wenig die reine Trainingszeit über das tatsächliche Renntempo eines Autos aussagt, sobald Boxenstopp-Strategie, Reifenmanagement und das Zusammenspiel dreier Fahrer über sechs Stunden ins Spiel kommen. Für die Meisterschaft bedeutet dieses São-Paulo-Wochenende vor allem eines: In der Hypercar-Klasse bleibt das Feld nach diesem engen Ergebnis so dicht beieinander wie zuvor, mit BMW als nächstem Zähler im Titelkampf, während sich in der LMGT3-Klasse mit Racing Team Turkey by TF plötzlich ein neuer Name in der Diskussion um die Saisonwertung meldet. Wie sich beide Klassen auf das nächste Rennwochenende vorbereiten, dürfte massgeblich davon abhängen, wie genau die Teams die Lehren aus dieser Zermürbungsprobe von Interlagos in ihre nächste Renneinteilung übersetzen.





