Marco Rossi · F1-Korrespondent
Zwischen Trainingsrückstand und Start-Ziel-Dominanz lag für Max Verstappen nur ein Tag, während sich das restliche Feld in Marina Bay quer durcheinanderwürfelte.
Max Verstappen gewann beim Formel-1-Grand-Prix von Singapur am Wochenende des 9. bis 11. Oktober auf dem Marina Bay Street Circuit sowohl Sprint-Qualifying, Sprint, Qualifying als auch das Hauptrennen und beendete damit im zehnten Anlauf seine bislang sieglose Geschichte an dieser Strecke mit einem kompletten Durchmarsch, bei seinem 250. Grand-Prix-Start und mit dem 73. Sieg seiner Karriere. Dahinter erzählte das Wochenende jedoch eine zweite, unruhigere Geschichte: Ein verregneter Sprint warf das Feld durcheinander, einige Fahrer fuhren sich von ganz hinten in die Punkte, andere verloren an einem einzigen Wochenende mehrere Plätze, die sie sich zuvor hart erarbeitet hatten.
Vom Rückstand im Training zur Kontrolle im Rennen
Wer nur die Ergebnisliste vom Sonntagabend sieht, könnte meinen, Verstappen habe das Wochenende von der ersten Minute an dominiert. Tatsächlich lag er im einzigen freien Training noch 0,732 Sekunden hinter Bestzeit-Mann George Russell auf Platz sechs, nur 0,717 Sekunden vor seinem Teamkollegen Isack Hadjar, der als Achter mit 1,449 Sekunden Rückstand folgte. Erst im Sprint-Qualifying am Freitagabend drehte sich das Bild, Verstappen setzte sich an die Spitze und hielt diese Position über Sprint, Qualifying und Rennen hinweg durch, ohne sie noch einmal herzugeben.
Dass sich diese Form so sauber über vier verschiedene Sessions trug, ist auf einer Strecke mit engen Mauern und wenig Spielraum für Fehler keine Selbstverständlichkeit. Charles Leclerc blieb dabei der konstanteste Gegner des Wochenendes: Zweiter im Training, Dritter im Sprint-Qualifying und im Sprint selbst, Zweiter im Qualifying und am Ende auch im Rennen. Für Ferrari ist das ein Beleg dafür, dass der Rückstand auf Red Bull in Marina Bay nie gross war, aber immer gross genug, dass Leclerc Verstappen nicht ernsthaft gefährden konnte.
Lewis Hamilton lieferte im zweiten Ferrari die unsteteste Kurve der Topfahrer. Nach Platz vier im Training und einem starken zweiten Rang im Sprint fiel er im Rennen auf Platz sechs zurück, drei Positionen hinter seinem Startplatz: Unter dem Virtual Safety Car verpasste er die Boxeneinfahrt, blieb danach auf eigene Entscheidung draussen und verlor auf abbauenden Reifen in der Schlussphase drei Plätze. Hamilton übernahm danach die volle Verantwortung und sprach von einer schmerzhaften Lektion. Andrea Kimi Antonelli dagegen zeigte über das gesamte Wochenende die gegenteilige Entwicklung: Von Platz sieben im Training über denselben Rang im Sprint-Qualifying und Platz vier im Sprint bis zu Startplatz vier und schliesslich Rang drei im Rennen baute der Mercedes-Pilot seine Form Session für Session aus, ein Verlauf, der sich am Ende direkt in der Meisterschaftstabelle niederschlug.
Von ganz hinten in die Punkte: Das Feld jenseits des Podiums

Am auffälligsten war im Hauptrennen die Entwicklung zweier Fahrer, die beide von weit hinten starten mussten und sich bis in die Punkteränge vorarbeiteten. George Russell, der im Training mit der Tagesbestzeit begonnen und im verregneten Sprint nach der Führung schon am Ende der ersten Runde in der letzten Kurve in die Mauer geflogen war, musste wegen einer Motorstrafe vom Ende des Feldes losfahren und beendete das Rennen dennoch auf Platz neun, nur 1,291 Sekunden hinter Nico Hülkenberg. Isack Hadjar, der nach Problemen am Auto im Qualifying ohne gültige Zeit geblieben war und wegen neuer Antriebsteile aus der Boxengasse startete, holte sich am Ende mit Platz zehn den letzten verbliebenen Punkt. Beide Fahrten gehören zu den bemerkenswertesten Aufholjagden des Wochenendes, weil sie zeigen, dass das Tempo in Marina Bay nicht an der Startposition hing.
Auf der anderen Seite stand vor allem Audis Gabriel Bortoleto. Er reihte sich im Qualifying noch auf Platz 15 ein, musste seinen Wagen im Rennen aber bereits nach sieben Runden wegen eines offenbar defekten Getriebes am Boxenausgang auf der Strecke abstellen, ein Ausfall, der zugleich eine kurze Phase mit dem Virtual Safety Car auslöste. Franco Colapinto schied von Startplatz 15 kommend ebenfalls aus, während Arvid Lindblad nach einem starken zehnten Rang im Qualifying im Rennen nur noch auf Platz 15 kam. Für drei junge Fahrer bleibt damit ein Wochenende, das im Training und Qualifying zeitweise Hoffnung machte, sich im Rennen selbst aber in Rückschritte verwandelte.
Das Mittelfeld dazwischen blieb weitgehend dort, wo es die Form der vergangenen Wochen erwarten liess. Liam Lawson bestätigte mit Platz sieben im Rennen seine solide Linie aus Sprint-Qualifying und Sprint, Hülkenberg verbesserte sich im Rennen von Startplatz zehn auf Platz acht und holte nach Rang sieben im Sprint die einzigen Audi-Punkte des Wochenendes. Pierre Gasly dagegen verlor vom siebten Startplatz vier Positionen und wurde nur Elfter, eine Enttäuschung angesichts der guten Form, die Alpine im Training und Qualifying zuvor gezeigt hatte.
Was das Wochenende für die Meisterschaft bedeutet
Für McLaren war es vor allem ein Wochenende der Schadensbegrenzung. Nach der Kollision zwischen Lando Norris und Oscar Piastri auf der letzten Runde des Sprints, die Piastri aus dem Rennen warf und Teamchef Andrea Stella sich danach öffentlich enttäuscht zeigen liess, fanden beide Piloten im Hauptrennen zurück in die Punkte, Norris als Vierter, Piastri als Fünfter. In der Konstrukteurswertung wird es für McLaren sogar nach hinten eng: Mit 339 Punkten liegt das Team deutlich hinter Ferrari (444) und Mercedes (578), aber nur noch sieben Zähler vor Red Bull (332).
Fahrerwertung
Formel 1- 1. Andrea Kimi Antonelli 340 Pkt.
- 2. George Russell 238 Pkt.
- 3. Lewis Hamilton 229 Pkt.
- 4. Max Verstappen 221 Pkt.
- 5. Charles Leclerc 215 Pkt.
In der Fahrerwertung hat sich die Ausgangslage nach Singapur weiter zugunsten von Antonelli verschoben. Mit 340 Punkten führt der Mercedes-Pilot nun deutlich vor Russell mit 238, Hamilton mit 229, Verstappen mit 221 und Leclerc mit 215 Zählern, Norris liegt mit 201 Punkten bereits ausserhalb der unmittelbaren Titeldiskussion. Mit 102 Punkten Vorsprung auf Russell könnte Antonelli den Titel rechnerisch schon beim nächsten Rennen in den USA perfekt machen.
Für Verstappen und Red Bull bleibt Singapur dagegen vor allem ein Beweis, dass ein schwacher Trainingsfreitag nichts über die tatsächliche Form am Wochenende aussagen muss. Wie viel dieser Durchmarsch für den eigenen Titelkampf noch wert ist, hängt davon ab, ob sich diese Konstanz auch an den kommenden Strecken fortsetzt, während sich McLaren, Ferrari und das übrige Mittelfeld nach einem Wochenende voller Gegensätze neu sortieren müssen.




