Marco Rossi · F1-Korrespondent
Der Mercedes-Pilot war im einzigen freien Training vor dem Sprint-Wochenende in Singapur der Schnellste, dennoch steht sein Startplatz für Sonntag längst fest, ganz hinten im Feld.
George Russell fuhr am Freitagnachmittag im einzigen freien Training vor dem Grand Prix von Singapur die schnellste Rundenzeit, 1:32,274 Minuten auf dem Marina Bay Street Circuit, knapp zwei Zehntel vor Charles Leclerc im Ferrari. Für den Mercedes-Fahrer bleibt der Wert dennoch vor allem eine statistische Randnotiz: Nach einem Wechsel mehrerer Antriebskomponenten muss Russell das Rennen am Sonntag vom Ende des Feldes aus in Angriff nehmen, weil das Saisonkontingent an Motorenteilen überschritten wurde.
Russell voran, Ferrari und McLaren dicht dahinter

Die Spitzengruppe lag nach sechzig Minuten enger zusammen, als es die Bestzeit zunächst vermuten liess. Leclerc fehlten 0,198 Sekunden auf Russell, Norris im McLaren weitere 0,075 Sekunden dahinter. Hamilton im zweiten Ferrari rundete das Spitzenquartett mit 0,499 Sekunden Rückstand auf Russell ab, 0,301 Sekunden und damit gut drei Zehntelsekunden hinter seinem Teamkollegen Leclerc. Dass beide Ferrari unter den ersten vier landeten, ist auf einer Strecke mit engen Kurvenkombinationen und hohen Bremszonen ein frühes Signal, allerdings eines, das sich erst im Qualifying bestätigen muss.
Piastri komplettierte als Fünfter das Bild eines eng gestaffelten Feldes an der Spitze, Verstappen lag im Red Bull mit 0,732 Sekunden Rückstand auf Platz sechs, deutlich näher an den schnellsten Zeiten als sein Teamkollege Hadjar, der mit Platz acht und 1,449 Sekunden Rückstand folgte. Antonelli im zweiten Mercedes fiel mit 1,251 Sekunden Rückstand auf Rang sieben bereits deutlicher zurück als sein Teamkollege Russell, ein erster Hinweis darauf, dass Russells Rundenzeit nicht allein dem Auto geschuldet war.
Eine Bestzeit ohne Konsequenz für die Startaufstellung
Für Russell bleibt die schnellste Zeit des Tages vor allem ein Beleg der eigenen Form, nicht aber ein Vorteil für den Sonntag. Nach einem technisch bedingten Ausfall beim vorangegangenen Rennen in Malaysia musste Mercedes mehrere Antriebskomponenten austauschen, Verbrennungsmotor, MGU-K und Turbolader eingeschlossen. Da das zulässige Saisonkontingent damit überschritten wurde, greift die automatische Startplatzstrafe, Russell wird das Rennen vom Ende des Feldes aus beginnen müssen.
Das Ergebnis wirkt damit wie eine Ironie der Zeitenliste: Der Mann an der Spitze hat an diesem Wochenende die schwierigste Ausgangslage von allen Top-Piloten. In der Fahrerweltmeisterschaft führt vor diesem Wochenende Antonelli mit 320 Punkten deutlich vor Russell mit 236 und Hamilton mit 214 Zählern, ein Vorsprung, den Russell mit einem starken Freitag allein nicht verkleinern kann. Für Mercedes als Konstrukteur ist die Pace dennoch wertvoll, für Russells eigenen Titelkampf zählt am Sonntag vor allem, wie viele Positionen er von hinten aufholen kann.
Nur eine Stunde Zeit: Das Dilemma des Sprint-Formats

Singapur richtet in dieser Saison erstmals ein Sprint-Wochenende aus, was die Bedeutung dieses einen Trainings erheblich erhöht. Statt wie gewohnt über mehrere Sessions hinweg das Set-up zu verfeinern, blieb den Teams nur diese eine Stunde, bevor am Abend bereits das Sprint-Qualifying ansteht. In Fahrerlagerkreisen wurden im Vorfeld Bedenken laut, wie gross das Risiko von Fehlabstimmungen auf dem bucklig-engen Stadtkurs unter diesen Bedingungen ist.
Die Verschärfung des Zeitdrucks trifft besonders die Teams im Mittelfeld, wo sich die Abstände schnell vergrössern, Gasly lag bereits 1,764 Sekunden zurück, Bottas am Ende des Feldes über drei Sekunden. Nach Angaben der FIA wurden zudem infolge der Probleme beim Regenstart in Malaysia, wo die Hybridleistung bei niedrigen Drehzahlen unkontrolliert eingebrochen war, Anpassungen an der Motor-Software vorgenommen, deren Auswirkungen sich erst unter Rennbedingungen zeigen werden. Wie sich diese Veränderungen und das enge Zeitfenster auf das Sprint-Qualifying am Abend auswirken, dürfte sich schon in wenigen Stunden entscheiden, für Russell bleibt es vorerst bei der bitteren Gewissheit, dass seine schnellste Rundenzeit des Tages den Start am Sonntag nicht verändert.





